Hexenmädchen

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    • Hexenmädchen

      „Vertraue mir dann,wenn ich es am wenigsten
      verdient habe,denn dann brauche ich es am meisten.“



      Hexenmädchen

      Der Mond stahl sich durch die Wolken und beleuchtet blass den Waldweg. Der Reiter hatte keine Angst.
      Nicht mal mehr vor den Trollen. Nicht hier. Hier sollte alles vor ihm Angst haben. Der Straßengraben lag in Schwärze…

      Gegen Mitternacht erreichten Ross und Reiter die Palisade von Bärheim.

      Im grellen Licht der Vor-Feuer, welche 100 Schritte vor dem Tor des Nachts entzündet wurden, um Gefahren rechtzeitig zu erkennen,
      hatte ihn die Wache auf dem Tor längst an seinem Schild erkannt und ließ die Armbrüste sinken.

      Rafael ritt durch den kleinen Ort und auch wenn die Dunkelheit mit ihrem gütigen Schleier die verwahrlosten Holzhäuser
      kaum erkennen ließ, sah er, dass gebaut wurde. Vielerorts wurde ausgebessert und renoviert. Die Papiermühle und das
      Mädcheninternat brachte offenbar wirklich ein kleines bisschen Wohlstand in das arme Dorf.

      Zu dieser Stunde begegnet er niemandem auf der schlammigen Straße und das war ihm nur allzurecht. Müde und erschöpft
      führte er das Pferd den Hügel zu Halle und Turm hinauf. Laut klopften die Hufe über Holzweg und Brücke. Dann war er da. Zuhause.

      Nachdem er das Tier knapp versorgt hatte, betrat er Bärheim-Hall und schloss als gleich die quietschende, schwere Holztür
      hinter sich. Im Licht des Kaminfeuers erkannte er vor sich an dem langen Tisch drei Personen. Die beiden vodgodischen Rytsar
      in ihren weißen Mänteln schauten vom Würfelspiel auf. Und auch das Fräulein Elena, Mündel der Dsar von Vodgorod, und in
      Bärheim verborgen, warf die Handarbeit -entnervt und mit blutigen Fingern- erleichtert auf den Tisch. „Heyho! Der Held
      vom Grenzwald zurück aus dem Krieg.“, rief sie mit heller Stimme. „Erzähl, dawai, Gospodin Savrseni! Wie ging der Feldzug
      aus? Kämpftet ihr an der Seite der Regentin? Und was trug sie für Kleider?“

      Rafael runzelte die Stirn und warf seine Ausrüstung zu Boden. Waren er und sein Pferd doch schneller gewesen als die
      beschämenden Nachrichten aus Karan. Es schüttelte ihn für einen Moment…

      Er traurig lächelte er und deutete eine Verbeugung an. „Fräulein Elena, ich freue auch, Euch zu sehen. Der Feldzug war
      erfolgreich, die Truppen aus Axtfels und dem Kernland haben tapfer gekämpft, Regentin Erin und Herzog Kaldor erfreuen
      sich, trotz Bessuren bester Gesundheit.“ Dann zog er aus dem Gürtel einen schweren Beutel. Als er auf dem Tisch landete,
      hörte man den dumpfen Ton von Geld. Sehr viel Geld.

      Valeria Dawidowa yet Tabanov schob die Ryt-Mütze nach hinten, sodass die roten Locken nur so hervorquollen. Lachend
      fragte sie frech: „Und wem das jetzt fehlt in die Böörse? Gefunden versehentlich ihr das habt?“ Maxim griff sich unauffällig
      an den Gürtel, was Rafael trotzdem bemerkte und die Augen verdrehte. Die Angehörigen des Tavanov-Regimentes trauten
      ihm wohl alles zu… dann wurde Rafael klar, wie gut sie ihn kannten. Verdammt.

      „Nein, meine Lieben,“, sprach der Herr von Bärheim genervt. „es war… dieses… ehrliche Arbeit.“ Seine Gegenüber machten
      große Augen während Rafael aufzählte. „Dem Baron Talan etwas repariert, dem Zwergenkönig etwas verkauft, obwohl mich
      dieser erst… äh... das erzähle ich später… dann Gold von Kaldor für eine neue Karte, und erlassen von Steuerschuld… rückwirkend
      für… immer…, dann von einem Ritter der Sturmfalken einen Edelstein aus Dankbarkeit für… egal… und Bärheimer Bütten haben
      ich verkauft, sehr viel davon… unter anderem an einen feisten Händler, welcher sogar das Papier Mengen abnehmen will.“

      Maxim starrte ihn an. „Was sein Haken bei die Sache? Schiefgelaufen einiges ist, nicht wahr? Auch das du willst „später“ erzählen,
      recht ich hab, Bestolkovy?“, meinte der Ritter der Dsar höhnisch und trank einen Schluck Vodgor.

      Rafael lag eine böse Erwiderung auf der Zunge, doch er zügelte sich. Es würde noch schlimm genug. „Ich bin müde und gehe zu Bett“
      , meinte er dann. Im Wegdrehen fragt er dann beiläufig. „Nachricht von Kadima?“ Doch sie antworteten ihm mit Stille…

      Auf dem Weg zur Turmtreppe besann er sich und ging doch noch zum anderen Ende des Saales. Hierher drang kaum noch Kaminlicht
      und nur eine winzige, niedergebrannte Kerze, am Fuß der lebensgroßen Holzstatue beleuchtete das grausame Anlitz des Ursun.

      Langsam trat er näher und hörte plötzlich ein Zischen und eine Hand wurde wohl recht knapp aus dem Weg seiner Stiefel gezogen.
      Rafael erschrak zutiefst, als wasserblaue Augen ihm von unten her aus der Dunkelheit anstarrten. Dann bemerkte er, dass die
      steinernen Bodenplatten nass waren und sah die kleine Hand, welche zu einem am Boden knienden Mädchen gehörte. Diese packte
      rasch ein Bündel und ließ es blitzschnell unter ihrem schmutzigen Rock verschwinden. Doch der Herr Bärheim hatte genug gesehen.
      Er ging in die Hocke. Jetzt waren die wasserblauen Augen auf seiner Höhe. Es war Leika. Das junge Lehrmädchen der seit einiger
      Zeit toten Baba Jaga. Rafael strich über den Boden. Blut. Er knurrte… und er spürte, wie der der Zögling der Hexe zusammenfuhr.
      Unsicher. Nicht mehr Kind, aber noch nicht ganz Frau…

      „Ein Huhn ist ein lausiges Opfer, Leika“, flüstere Rafael dann und strich das Blut von seinen Fingern auf den Sockel der schwarzen
      Bärenstatue. „Die feinen Mädchen in der Schule sind doch verboten“, hauchte sie unschuldig. Dann herrschte einen Momentlang
      tiefe Stille. Rafael schaute hinüber zum Tisch. Dort schauten alle weg. Er wusste, dass sie wussten. Und schwiegen.

      Die kalte Mädchenhand berührte ihn am Arm und sie erschrak. „Schlimmer Markplatz,“, sprach sie wissend mit zitternder Stimme.
      „Dafür haben sie dich verurteilt, Herr? Nur dafür? Ursun hält die Hand sooo schützend über dich.“, meinte die junge Baba dann leise,
      „aber er wird deine Schwester nicht wieder gehen lassen. Du wirst in der nächsten Zeit nicht mehr auf Fahrt gehen.“ Dann sprang sie
      auf, kicherte und lief fort Richtung Ausgang.
      Als sich Rafael umsah, war sie fort. Und die schwere Hallentür war nicht bewegt worden, da war er sich sicher.
      Vogt Rafael von Bärheim -Held des Grenzwaldes-
      Maxim Grigoriwitsch yet Tabanov -Rytsar der Dsar von Vodgorod-

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