Ein Auftrag in Nordgard

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    • Ein Auftrag in Nordgard

      Ein Auftrag in Nordgard

      Kap.1. Vorbereitungen

      [Wann: Zeitgleich zum Turniers von Feuer und Phönix]
      [Wo: Bärheim]


      Tiefe Nacht - vielleicht zur dritten Stunde - Kemenate des Mädchens Helena im alten Turm zu Bärheim, drittes Obergeschoss

      Den Schatten hatte die verschlossene Schlafzimmertür nicht aufgehalten. Er stand schon eine ganze Weile mitten im Raum und beobachtete das siebzehnjährige Fräulein, dass nun im Schlaf wonnig seufzte. Tatsächlich war diese jedoch durch… ein leises Geräusch wachgeworden… oder hatte sie das nur geträumt…? Sie wartete, ob sie noch einen weiteren Laut hörte…
      Im Zimmer war es stockfinster. Durch die schmale Schießscharte fiel etwas dünnes Sternenlicht, doch das reichte bei weiten nicht aus, um in der Finsternis etwas zu erkennen.

      Langsam fuhr die schmale Hand des Mündels der Dsar von Vodgorod unter der warmen Decke hervor… den kalten Bettrahmen entlang, wo das schwere Gestell an der Wand stand. In dem schmalen Zwischenraum hatte sie… ein Messer verborgen.
      Vorsichtig zog sie die große Klinge… kein einfaches Messerchen, dass man hier erwarten würde… nein, die Klinge war rauchgeschwärzt… am Rücken böse gezackt…
      Eine Attentäterwaffe!
      Gerade als sie… flüstere auch schon eine leise, amüsierte Stimmte direkt in ihr Ohr:
      "Du Schlafmützlein bist längst tot… das Wachwerden üben wir noch…! Raustreten in fünfzehn Minuten. Volles Ornat, Gepäck, Waffen… und Tarnung! Ein bisschen plötzlich…"


      * * *

      Schwarz wie die Nacht war auch Helena jetzt gekleidet. Handschuhe, hohe Stiefel, Hose und Jacke mit vielen, kleinen Taschen, in der diverse Metallinstrumente steckten. Ihr langes, braunes Haar hatte sie unter einer schwarzen Kappe versteckt. An einem Holster am Oberschenkel trug sie eine kleine, dreischüssige Armbrust, besagtes Messer, am Gürtel hingen verschiedene Ledertaschen, ein dünnes Seil und auf dem Rücken vervollständigte ein flacher Tornister die Ausrüstung.

      Frau Kadima von Bärheim musterte ihre Schülerin soweit es in der Dunkelheit ging, die eben noch dabei war, sich das Gesicht mit Ruß zu schwärzen.
      Dann seufzte sie tief. Der Wille der Dsar war ihr… unergründlich… aber das ging sie auch nichts an… Bald wäre die vierjährige Ausbildung der… Nichte… ihrer Hoheit abgeschlossen und das bedeutete, dass sie alle, nicht nur Klein Helena, dem armen, schmutzigen Lehen Bärheim endlich würden entkommen können.
      Zurück in nach Frati Oras, der Hauptstadt des Dsarenreiches in den Mittellanden… und wieder LEBEN… und nicht mehr in den axtfelser Grenzwäldern, am Ende des Ostreiches, täglich um einen Teller dünne Suppe kämpfen zu müssen.
      Nur ihr Bruder Rafael hatte seit einiger Zeit merkwürdige Anwandlungen. Sprach von Axtfels als "Heimat". Was hatte er nur für einen Knall? Da steckte bestimmt auch Finsterwalde dahinter…
      Sie schüttelte den Kopf und fragte stattdessen lieber verschlagen das Mädchen vor sich: "Na, was ist das wohl?", und hielt dabei eine kleine Sanduhr hoch.
      "Ein Zeitmesser, Frau Kadima", meinte das junge Ding und verdrehte die Augen. "Uuund?", wollte die Frau wissen und schwenkte den feinen Glaskörper mit der Hand.
      "Sie läuft…?", fragte die Kleine dann unsicher.
      "Ja, Helena… deine Zeit… die fünf Stockwerke außen an der Fassade hoch, auf der Plattform etwas für mich finden und mir bringen. JETZT!"

      Routiniert schätzte die Tochter der… Gräfin Tatjana Ruskaya yet Tabanov… die Höhe, maß dann einige Schritte ab, die sie zurücktrat, bereitete Armbrust und Seil vor und schoss den speziellen Pfeil ab. Sie war schon zwei Meter die raue Außenmauer hoch, als Kadima sie zurückpfiff. "Verflucht, was habe ich dir beigebracht! Steigeisen!", meinte die Ausbilderin sauer. "Aber… ich kann das ohne, wirklich… ", entgegnete die Adelstochter rotzig. "Schnute halten und ausrüsten, verdammt", schnappt Kadima.
      Das fehlte gerade noch. Das Mündel der Dsar bricht sich den Hals und Kadimas Kopf wandert auf eine Lanze... Rafaels Schwester knurrte böse.

      Dann beobachtete die Vögtin des Lehens, wie die Siebzehnjährige den Turm geradezu hinauf jagte… vor den Zinnen hielt… vorsichtig die Lage sondierte… und sich dann elegant hinüberschwang.

      Helena verdrehte die Augen. Wieder so eine mistige Übung. In letzter Zeit wurde die Alte echt lästig. Rasch lief sie über die Turmplattform… und da stand… eine Truhe. Das Mädchen wartete einen Moment… die Wolken rissen auf… und schwaches Licht fiel auf den Verschluss… was sollte DAS denn sein? Helena kniete nieder und schaute überrascht auf das… na… wohl zweihundert Jahre alte Schloss… Verarschen kann ich mich alleine, dachte sie frech. Aus der Oberarmtasche zog sie zwei dünne Stifte, fühlte sich dann ein… Riegel für Riegel… dann klickte es vernehmlich. Wie simpel… siegessicher klappte sie den Deckel hoch. Krimskrams, Lumpen… und ein goldener Ring! Sie hatte das Schmuckstück schon fast in der Hand, als sie im letzten Moment den dünnen Faden erkannte. Verdammt. Sie schob die Lumpen zur Seite… und fand eine Glocke… das wäre es ja noch gewesen, seufzte sie und schnitt erleichtert den Faden durch…

      Wieder unten angekommen freute sich die Kleine wie ein Schneekönig. "Na, zufrieden, Frau Kadima? Ich bin gut, oder? Sag es…!", drängelte die Jungfer.
      "So gut, dass wir einen ersten Auftrag erledigen… ", grinste die Bärheim. "Schluss mit dummen Übungen… es wird ernst, Klein Helena… !"
      "Waaaah… wirklich? Haben wir schwarze Pferde? Reiten wir nachts durch den Grenzwald…?", platzte das Mädchen heraus… "Ähm… Kleine, wir können uns auch einfacher umbringen. Nein, im Morgengrauen. Und wir nehmen die alten, braunen Zossen…", schmunzelte Kadima über die ungestüme Art und die romantischen Vorstellungen.
      Und sie betete zu Ursun, dass dieses Abenteuer im fernen Nordgard gut ausging…
      Vogt Rafael von Bärheim -Held des Grenzwaldes-
      Maxim Grigoriwitsch yet Tabanov -Rytsar der Dsar von Vodgorod-
    • Kap. 2. Nach Nordgard

      Einer der Knechte, der in den Stallungen schlief, hatte geholfen, die Pferde fertig zu machen und mit ihren Habseligkeiten zu beladen, dann führten Frau Kadima und Helena die Reittiere am Zügel hinaus…

      …wo schon die beiden vodgodischen Rytsar auf sie warteten.

      „Herrin, ihr reitet zu so früher Stunde aus? In Begleitung des Mündels ihrer Hoheit? Wir möchten raten, dass wir euch begleiten…!“, sprach Maxim Grigoriwitsch besonnen und Ryt Valeria Dawidowa nickte zu diesen Worten.

      Kadima musterte die beiden Ordensritter der Dsar von Vodgorod und des heiligen Lejwin. „Es ist Teil IHRES Wunsches und Willens, Ryt, dass wir diesmal allein gehen. Daher entbinde ich euch für kurze Zeit von eurer Aufgabe. Oder soll ich davon ausgehen, dass du Anastasia i Ilithildew yet Bokha in Frage stellen willst?“, fragte Kadima kühl und betrachtete die beiden Ritter in ihren schneeweißen Kampfmänteln.

      „Niemals, Herrin“, flüstere Valeria und senkte bei den strengen Worten ehrfürchtig den Kopf und knuffte ihren Cousin, wie sie ebenfalls ein yet Tabanov, in die Seite, es ihr gleichzutun.

      „Da sich mein lieber Bruder Rafael noch immer beim Turnier von Feuer und Phönix herumtreibt, übertrage ich euch jetzt Aufsicht und Verantwortung über das Lehen Bärheim bis zu unserer Rückkehr. Die Heiligen DREY mögen über euch wachen!“, bestimmte und bat Kadima.
      „Eis und Ehre!“, antworten die beiden Ordenskrieger wie aus einem Mund und sahen dann zu, wie die beiden Frauen die Dorfstraße Richtung Toranlage entlangritten.
      „Ich habe da ein ganz mieses Gefühl.“, knurrte Maxim seine Base an, doch die zuckte nur die Schultern.

      Am Tor nickte ihnen Nesra zu, welche mit einigen Burschen die Frühwache am Tor innehatte. „Was soll ich Rafael sagen, falls er fragt?“, wollte sie wissen, als Helena und Kadima sie an ihr vorbei ritten.
      „Ein Ausflug in die große Stadt, Nesra!“, grinste Frau Bärheim. Die erfahrene Kriegerin zog die Augenbraue hoch… verkniff sich dann aber doch eine Warnung und antwortete stattdessen lieber mit einem vodgodischem Segensspruch.

      Nach gut einer Meile endete die Straße im Wald.
      Kadima schaute sich den Rückbau genau an. Wo einstmals der unbefestigte Waldweg gewesen war, stand jetzt dichter Bewuchs und nichts erinnerte mehr an den alten Weg. Die Frauen stiegen ab und führten die Reittiere durch das Dickicht. Die Pferde folgten nur unwillig auf dem verborgenen Trampelpfad und mussten mitunter durch dichte Tannenschonungen gezerrt werden. Nach einiger Zeit wurde der Wald wieder ein wenig lichter und die beiden Reiter konnten wieder aufsitzen und langsam ihren Weg fortsetzen.

      Dann erreichten Sie den Kreis. Nicht das Kadima etwas hätte sehen können. Aber ihre Nackenhaare stellten sich auf… ein Prickeln lag in der Luft und Druck lastete auf den Ohren. Es war einer der Gründe, warum die Abenteuerin so selten Bärheim verließ. Sie hasste es… und sie sah den verstörten, geradezu verängstigen Gesichtsausdruck ihrer jungen Begleiterin. Dann war es plötzlich vorbei. Die Bärheim runzelte die Stirn. Auf dieser Seite war das Wetter anders. Mehr Wolken… und… schon Mittag durch…

      Am frühen Nachmittag legten sie eine Rast ein, lagerten und ließen die Tiere vom frischen Gras fressen, welches überall mit bunten Blumen versetzt stand. Die Sonne schien warm zwischen den Bäumen hindurch, aus einem nahen Bach tranken sie kühles, frisches Wasser und es war beinahe idyllisch.
      Beinahe… das aggressive Gebrüll des Trolles war in der Ferne zu hören und die Vögtin von Bärheim war sofort auf den Beinen. Außerhalb der Grenzwälder hielten ihre Freunde die Geschichten über die Trolle für Märchen. Schauergeschichten, die man frechen Kindern erzählte. Wer aber gegen einen Trollprügler mit seinen bösartigen Kettenwaffen gekämpft -und überlebt- hatte, erzählte dagegen ganz andere Dinge.

      Überhastet brachen sie das Lager ab. Helena warf die gepflückten Blumen fort und lud ihre Armbrust. Kadima grinste… Natürlich würde ein Troll so einen Pfeil kaum zur Kenntnis nehmen, wenn man nicht gerade einen Glücktreffer im Auge landete, aber zumindest ihr Andertalbhänder würde für etwas Luft sorgen. Keine gute Kavalleriewaffe, aber sie schätzte die Reichweite. Eine der wenigen Dinge, die sie mit ihrem Bruder gemein hatte, war, dass sie das Lange Schwert liebte.

      * * *

      So setzten sie den Weg durch den Grenzwald vorsichtig fort und bald erreichten sie wieder die Fortsetzung der Straße, die hier sogar etwas breiter war. Des Nachts verzichteten sie öfteren auf ein Feuer, obwohl die Nächte kalt waren. Einmal begegnete Ihnen in der Ferne eine Patrouille Krieger… doch deren Wappenröcke trugen nicht das blau-weiß der imperialen Garde, sondern waren schmutzig und schwarz mit dem weißen Kreuz der Bruderschaft des Lichtes.

      Sie hielten sie sich verborgen, bis die fanatischen Ordensleute außer Sicht waren und sie unbelästigt ihrem Weg weiter folgen konnten. So umgangen sie Waldwacht im weiten Bogen.
      Ihr Weg führte sie jetzt aus dem Grenzwald hinaus… auf die Ebene, welche zum großen Strom führte, den viele mittlerweile Storn nannten und einstmals als Paolosippi bekannt war und in der Ferne erhob sich die große Festungsstadt Nordgard.
      Vogt Rafael von Bärheim -Held des Grenzwaldes-
      Maxim Grigoriwitsch yet Tabanov -Rytsar der Dsar von Vodgorod-

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    • Ein Auftrag in Nordgard
      Kap. 3 - Rein und wieder raus

      [Wann: Just nach dem Ende es Turniers von Feuer und Phönix]
      [Wo: Nordgard - tiefe Nacht - vielleicht drei Stunden vor Sonnenaufgang]

      Ich bin eine Feder im Wind, dachte Klein Helena, die hier nichts anderes war, als ein Schatten in der Nacht. Sie stieß sich von der Mauer des Eckturmes ab und schwang sich am Seil parallel an der zweiten Schildmauer Nordgards entlang, erreichte perfekt abgezirkelt den Zenit ihrer Flugbahn bei den Zinnen und dort schlug sie die Steigeisen in den grobbehauenen Stein. Es machte leise "Tick-tick" und sie war gesichert.
      Den Wachdienst auf der zweiten Mauer hatte in dieser Nacht Schildmaid Serafia. Die Sturmfalkenkriegerin hatte den großen Schild an den Zinnenkranz in der Nähe des schmiedeeisernen Fackelhalters gelehnt. Unter ihr breitete sich das Lichtermeer von Nordgard aus. Sie mochte ihre Heimatstadt, die von hier oben so klein aussah…

      Sie verhielt sich völlig natürlich.

      Und selbstverständlich hatte sie das Geräusch gehört… dann lockerte sie den Griff ihrer Waffe.


      * * *

      [zuvor]

      Vor acht Tagen hatten sie Bärheim verlassen. In Nordgard angekommen quartierten sich Frau Kadima von Bärheim mit Helena, dem Mündel der Dsar von Vodgorod unter falschem Namen in einem gepflegten Wirtshaus gegenüber der Festung ein. Die trutzige Burg der Sturmfalken mit ihren zwei Mauerringen und den vielen Türmen, dominierte die große Stadt und war als Wahrzeichen schon weit über die vorgelagerte Tiefebene zu sehen.
      Nachdem die beiden Einbrecherinnen zwei Tage lang aufmerksam die Wachablösungen studiert hatten und schließlich das zugrundeliegende Schema verstanden hatten, wurde der daraus resultierende Plan in der Folgenacht in die Tat umgesetzt.
      Der erste Mauerring war dabei die schwerste Nuss. Hier waren deutlich mehr Krieger auf Wache und hölzerne Wehrgänge mit Schießscharten machten die Situation unübersichtlich. Mehr als einmal rettete sie nur ihr sagenhaftes Glück, als sie als Schatten über die fackelerleuchtete Mauerkrone balancierten, bevor sie in das tiefe Dunkel des Innenhofes abtauchten…

      Kadima von Bärheim war zufrieden mit Ihrer Schülerin. Alles hatte gut geklappt und jetzt lagen sie für einen Moment bäuchlings unter einem Wagen mit hohen Speichenrädern im Hof, verschnauften von der Anstrengung und hielten kurz Kriegsrat.

      „Verflixt knapp gerade, Frau Kadima… aber wir sind einfach zu guuuut für sie“, prahlte die jugendliche Helena leise hochnäsig und lächelte überheblich. In ihren schwarzen, enganliegenden geknöpften Jacken und Hosen waren sie nur ein weiterer dunkler Fleck in der Nacht. „Die zweite Mauer ist ein ganzes Stück höher, aber weniger bemannt. Wir müssen uns ranhalten und die Stunde nutzen.“, mahnte die erfahrene Meistereinbrecherin flüsternd. „Bislang lief alles reibungslos… und ich möchte, dass dies auch so bleibt… rein und wieder raus, verstanden? Und was machen wir, falls wir direkt mit einem Wachposten konfrontiert werden? Na?“, zischte Kadima mit mahnemden Unterton. „Wir bringen niemanden um….“, leierte Helena genervt herunter und verdrehte die Augen. „Gut, gibt mir jetzt deine Bolzen mit den Kriegsspitzen… die für die Wurfanker darf du behalten…“ Widerwillig knurrend griff das Mädchen in seine Tasche und händigte die Pfeile aus. Die kann mich doch mal, dachte sie böse. Soll mir nur einer in die Quere kommen… der darf die verborgenen Geschosse aus meinem Stiefelmagazin zu schmecken..

      Sie warten die nächste Patrouille am Hof ab, welche Synchron mit den Bewegungen auf der Mauer ablief, dann ging es weiter. Wie zigmal erprobt, verschoss Helena den nächsten Wurfanker gen Eckturm der zweiten Mauer und breitete den Aufstieg vor… während Kadima im Dunkeln abwartete… die Wagen im Hof nachdenklich betrachtete… und sich wunderte.

      Da standen acht große Wagen. Handwerker hatten wohl tagsüber damit begonnen, die Fuhrwerke mit Eisenplatten zu beschlagen.
      Vernietete Eisenplatten, wunderte sich die Herrin des Lehens Bärheim, mit Schießscharten… Wofür, bei Ursuns Zorn, brauchte Kaldor gepanzerte Wagen? Es sei denn…
      Während Helena bereits am rauchgeschwärzten Seil die senkrechte Turmmauer erklomm, sprang Kadima leise und sanft wie eine Katze auf die Ladefläche des nächststehenden Wagens. Und tatsächlich, wie sie es geahnt hatte… eine mit großen Metallbeschlägen versehene Kiste. Der Deckel stand hoch und aus Neugierde langte sie hinein. Leer. Natürlich. Jetzt noch… aber es sollte wohl eine höllisch wertvolle Fracht werden… Und bei acht Wagen… nicht gerade wenig…
      Kadima klappte den Kistendeckel hinunter, sprang sanft wie eine Feder auf den Behälter und mit Anlauf über die hohe Ladekante des Wagens und Salto an das gerade wieder hinabgefallene Seil. Helena musste wohl oben angekommen und zwischen den Zinnen Deckung gesucht haben. Die ehemalige Attentäterin jagte rasch, aber dennoch mit grazilen Bewegungen ihrem Lehrmädchen am Seil hinterher.

      * * *
      Vogt Rafael von Bärheim -Held des Grenzwaldes-
      Maxim Grigoriwitsch yet Tabanov -Rytsar der Dsar von Vodgorod-
    • [war zu lang für einen Post - Anfang Teil 3 s.o.]

      Helena kniete im niedrigen Zwischenraum der Zinnen… dann kam sie langsam hoch und schaute über das Visier ihrer kleinen Armbrust. Kimme, Korn, Sturmfalke… Mochte Kadima ihr erzählen, was sie wolle. Dies war IHR verdammtes Abenteuer und das konnte nur mit richtig viel Blut spannend werden. Herzlos grinsend bewegte sich ihr Finger am Abzug… bis… sie einen ordentlichen Knuff in die Seite bekam und ihr fast die Luft wegblieb. Leise machte es „klick“. Der Bolzen schlug geräuschlos einen Splitter aus der Sandsteinmauer des nahen Wachhäuschens… direkt über Serafias Kopf. Sein Rückprall war so stark, dass das Geschoss ungesehen und harmlos in die Tiefe des Innenhofes fiel.
      Serafia bemerkte… das sich wohl ein kleines Steinchen aus der Festungsmauer gelöst hatte… Merkwürdig, dachte sie. Sowas hatte sie noch nie erlebt. Verdutzt bückte sie sich und hob den Splitter auf und betrachtete ihn interessiert im Fackelschein… während hinter ihr zwei Schatten über die dunkle Festungsmauer huschten und in einem Durchgang verschwanden. Der Gang führte vom Mauerabschnitt weg direkt auf einen Korridor, an dem die Gemächer der Grafenfamilie Kayanee lagen.

      Kaum hatten sie die Verbindungstür geschlossen, hatte sich auch schon Kadimas Hand erbarmungslos auf Helenas zarten Hals gelegt. „Verdammt, was sollte das?“, zischte die Lehrmeisterin wütend. „Einmal… kannst du nicht ein einziges Mal auf mich hören, verdammt?“, knurrte sie. „Ständen wir nicht alle unter dem Schutz Ursuns, der uns Kraft und Ehre gibt, dann…“ Sie beendete den Satz nicht, sondern dachte, …und du nicht die Nichte der Dsar, verflucht…
      Helena lächelte ein süßes Mädchenlächeln… zuckte entschuldigend mit den Schultern… und dann, ganz Profi, griff sie in ihre Jackentasche und zog ein Ölfläschchen hervor.
      Kadima zählte die Türen ab. Eins, zwei, drei… hier war es, dachte sie, als sie unwillkürlich zusammenzuckte. Leise tönten Schritte vom Ende des Ganges her. War dort ein Treppenaufgang?

      Die Mentorin gab ihrer Schülerin rasch ein Handzeichen und sie verschwanden blitzartig in den Wandnischen, wo sich Rüstungen auf Ständern zur Dekoration mit prächtigen Wandteppichen abwechselten.
      Vorsichtig lugte die Bärheimerin um die Ecke. In diesem Moment kam ein schwacher Lichtschein in Sicht. Eine Magd kam vorsichtig die Treppe hinauf. War das….? Tatsächlich. Kadima erkannte Dehlia, die persönliche Magd der Gräf Shananeya, wie diese einen offenen Kerzenleuchter hielt und in der anderen Hand ein randvolles Glas Milch balancierte. Augenscheinlich konzentrierte sie sich darauf, möglichst nichts zu verschütten, da der Trunk wohl für die erlauchte Dame selbst gestimmt war. Zum Glück für die beiden Eindringlinge, denn so schenkte die hübsche Frau dem Korridor keine Aufmerksamkeit.
      Helena grinste, als die Dienerin in einem der Zimmer verschwand und wieder Dunkelheit über den Flur fiel. Die junge Vodgodin kniete vor der Tür und ölte die Scharniere und Beschläge. Dann griff sie routiniert in die Brusttasche und zog einen Bund Metallstifte hervor.
      Im Dämmerlicht fühlte sie sich langsam in das Schloss ein… doch… es dauerte… lange… dann sah sie hilfesuchend auf. "Da ist eine Querverstrebung drin… verdammt!", flüsterte sie sauer. "Nimm den Achter, setze ihn waagerecht und drücke diagonal!", wies Kadima sie an. Gesagt, getan… und mit leisem Klicken öffnete sich der Riegel. Die beiden Frauen zogen die Kampfmesser mit den böse gezackten, rauchgeschwärzten Klingen und Helena bedauerte zu tiefst, dass sie nicht vergiftet waren. Heute.

      Dann drangen sie gleichzeitig in das Zimmer und zu ihrer Erleichterung war der Raum leer.
      Das Gemach war spartanisch eingerichtet und er wurde vom dem riesigen, ehrfurchtgebietenden Schreibtisch beherrscht, welcher an der an der gegenüberliegenden Seite aufgestellt war. Stahl schlug auf Feuerstein und rasch hatte Helena Zunder und damit einen Kienspan entzündet, den sie an Kadima weiterreichte, welche sich am Schreibtisch einen Überblick verschaffte.

      Klein Helena streifte zwischenzeitlich durch das Zimmer… achtete darauf, dass Frau Bärheim nicht hinschaute… und steckte hier einen Brieföffner mit Edelstein ein, da ein Tintenfass mit silbernem Deckel… Neugierig schaute sie sich die Modellschiffe an, welche in den Regalen standen.

      Kadima war dabei einige der Dokumente quer zu lesen. Und was da alles interessantes zu finden war. Baupläne von Schiffen… bewaffneten Flussschiffen! Stimmt, fiel ihr ein. Ihr Bruder Rafael hatte davon gesprochen und Kaldors Hunger nach immer mehr Holz aus den Grenzwäldern erklärte sich mit seinen Expansionsplänen und der erweiterten Werftanlage vor Nordgard. Dann fand sie einen Brief, den der Graf Kayanee wohl erst heute Abend begonnen hatte, noch nicht fertig und bislang nicht gesiegelt. Die Augen der Einbrecherin wurden immer größer. Silbermünzen…als sie die angekündigte Menge lass, hielt sie es für einen dummen Scherz. Acht Wagen…

      "Was ist jetzt mit der Schatzkammer? Ich denke, wir klauen der Gräfin ihren Schmuck…", fragte Helena irgendwann ungeduldig. "Spinnst du?", schnappte ihre ältere Begleiterin nachdenklich. "Wir gehen… jetzt…", meinte sie leise und sehr zum Unwillen des jungen Mädchens. Dann griff sie sich in die Brusttasche und zog einen Umschlag hervor. Auf der gefalteten Bütte war mit sauberer Handschrift der Name KALDOR in geschwungenen Lettern geschrieben.

      Der Rückweg über die Mauern glückte ungesehen und ohne Schwierigkeiten. Am frühen Morgen passierten sie die Tore der Festungsstadt und der Vorstadt und nach weiteren acht Tagen Reise ohne erwähnenswerten Ereignissen erreichten sie das heimatliche Lehen Bärheim, tief verborgen im Axtfelser Grenzwald.

      * * *

      Graf Kaldor Kayanee verschüttete fast seinen Kaffee als er am frühen Vormittag und nach ausgiebigen Frühstück an seinem Schreibtisch trat. Der Umschlag war auffällig aufrecht an einen Stapel Papier gelehnt.

      Er überflog die wenigen Zeilen und ein Lächeln umspielte seine Lippen. Sie hatte es tatsächlich geschafft einzudringen. Tausendsassa. Kein Alarm hatte die Nachtruhe gestört. Ja, er würde sie brauchen können. Nicht nur in Axtfels, auch weit im Süden, am Hofe.

      Und unabhängige Informationen aus den Kleinlehen waren auch stets willkommen. Er mochte es, wenn gute Pläne langsam Gestalt annahmen.

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      Oooops.
      youtube.com/watch?v=GYDDBV-Cego
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      Maxim Grigoriwitsch yet Tabanov -Rytsar der Dsar von Vodgorod-