Posts by Lothar Wolf von Waldburg

    Nachtrag:

    Die Geschwister standen noch einen Augenblick unschlüssig auf dem langen Gang, als sich die Türe zum Audienzsaal nochmals öffnete.

    Der Kammerdiener, den sie anfangs kennengelernt hatten, steckte den Kopf raus. "Herr Ritter, dir dürft da noch ein Dokument abgeben. Habt ihr es dabei? Es handelt sich um das, hoffentlich korrekt ausgefüllte, Einbürgerungsformular des Fräuleins Teliandra."

    "Oh", sagte der frischgebackene Reichsritter Lothar nur und wurde prompt rot, weil der die Abgabe gerade vergessen hatte und begann alsdann an seiner Gürteltasche zu nesseln, an die er aber in der ungelenken Rüstung kaum dran kam.

    Gänseblümchen verdrehte die Augen und fischte den Brief geschickt aus der Ledertasche und drückte sie ihrem Bruder in die Hand. "Danke, Astrid. Ja, Herr Kammerdiener. Und ich habe dazu auch noch eine Empfehlung geschrieben!", sprach der Ritter und überreichte die beiden Schriftstücke offiziell.

    Das folgende Abendessen war gut und schmackhaft. Gänseblümchen, welche im Schlepp der Frosttalerinnen zurückkam, war begeistert von den vielen Fleischsorten. Auch gab es einige Spezialitäten von der fernen Eisinsel wie scharfes, getrocknetes Drachenfleisch und Trockenfisch.


    Die Kammer, in der die Geschwister übernachten durften war einfach eingerichtet, aber Lothar konnte an ohnehin an jedem Ort beten.


    Die Waldburger verließen Burg Pranke am nächsten Morgen gen Karan und in den folgenden Tagen wollten sie den Jagdtrupp im Lande Anrea wiedertreffen.

    Lothar staunte nicht schlecht. Mysterien? Geheimnisse? War der Bärengott so anders als er dachte? Natürlich konnte er sich auch wieder geißeln, falls das nötig sein sollte. Sicherlich wollte ein Kriegergott des Eises Blut sehen… aber das würde ihn schon interessieren, was da so an geheimen Ritualen praktiziert wurde. Immerhin war er doch fromm genug. Dann aber wurde er rot. Seine Duldsamkeit ließ zu wünschen übrig.


    „Verehrter He… *hust*… Fulcrum meinte ich, also wir dürfen in ein paar Tagen vor dem Hohen Rat von Karan vorsprechen. Wir sind natürlich für diese Gelegenheit HEL sehr dankbar. Wenn es sich dann im Anschluss einrichten lässt, könnten wir natürlich auf dem weiteren Weg nach dem Lande Anrea reisen. Von dem Lande habe ich bereits gelesen. Offenbar passiert dort ziemlich viel. Es würde nicht schaden, dort die armen Menschen zu unterstützen.“

    „Ähm.“, sagte Lothar nur.

    Duft? Hatte er sich nicht heute früh nicht ordentlich in der Waldquelle mit Kernseife gewaschen? Herrje. Dann wurde er rot. Offenbar transpirierte er durch den Gambeson. Wie peinlich.


    „Meine Ausrüstung? Ach, so ja, gerne bei Gelegenheit.“, dass „Hohe Dame“ im Nachsatz konnte er so eben noch hinunterschlucken. Sollte er ihr sagen, was ihm die Totengöttin bedeutete? Weiß HEL, was sie von ihm dachte. Andererseits… nein, das verstieß doch gegen die Demut und Schicklichkeit, welche ihm zuneigen war. Vielleicht ergab sich ja noch eine andere Gunst des Augenblicks um das artig zu erklären. Auch ihre Warnung… Gerade wollte er ihr eines seiner heiß geliebten Heiligenbildchen schenken, als Fulcrum ihn höflich um eine Konsultation bat. Er sah zu, wie die Damen… also die Frostalerinnen… mit Gänseblümchen im Gefolge von dannen zogen. Er musste daran arbeiten. Ein schönes Stück Arbeit, diese Kultur. Aber überaus interessant. Vermutlich hatte die Dämmerung bereits eingesetzt. Und er hatte das Vespergebet verpasst. Dass musste er natürlich heute Nacht nachholen. Besser zweimal. Dann wandte er seine Aufmerksamkeit dem Herrn von Burg Pranke zu.

    Unterdessen hatte sich Gänseblümchen das Zwergenbrot, welches Rollo ihr hingehalten hatte, geschnappt und begann zu kauen. „Hat so ein hartes Brot auch der Imperator immer gegessen?“, wollte sie dann vom Frosttaler wissen. „Gibt es da auch Wurst zu? Wir haben ja nur so harten Käse und mein Bruder meint immer, wir sollten froh sein, dass wir überhaupt was zu essen hätten. Und einen Teil von unseren Vorräten hat er an arme Menschen am Wegesrand und an den Einsiedlerhöfen weggeschenkt. Manchmal ist er etwas… anstrengend. Daher passe ich auch auf ihn auf.“, meinte sie dann oberlehrerhaft und zwinkerte Rollo verschwörerisch zu.

    „Ja, stimmt!“, meinte der Ritter dann und strahlte. „Nun… eigentlich habe ich nur für meinen alten Vater einen Brief an den Her… Fulcrum überbracht. Und wo ich doch schon einmal hier bin, wollte ich mehr über den Bärengott erfahren. Zwar habe ich alles in Büchern über den Frosttaler Glauben gelesen, aber die Beschreibungen waren eher dürftig. Von der Ursun-Höhle… Ihr müsst wissen, dass ich schon zu ganz vielen Göttern gebetet habe. Es gibt ja soooo eine Menge. Von vielen habe ich aber keine Antwort bekommen, nur HEL spricht zu mir. Manchmal habe ich zwar den Eindruck, dass sie genervt ist, aber da kann ich mich auch täuschen. Und außerdem sind wir gerade auf dem Weg nach Karan zum Hohen Rat. Immerhin muss ich das Imperium retten…“

    Gänseblümchen grinste und schaute ihren immer noch perplexen Bruder an, der nur zwischen den beiden Krieger- und Priesterinnen hin und her schaute... oder eigentlich nicht. Er hatte mittlerweile nämlich ein Heiligenbildchen aus der Tasche gezogen, dass er für diese Art... Gelegenheit immer dabei hatten und war in Andacht verfallen. Erst die Stimme von Astrid riss ihn aus seinen Träumen von der Göttin.


    "Das ist mein frommer Bruder Lothar. Der war jetzt 12 Jahre unterwegs um... naja... Dinge zu tun. Heilige Dinge im Name der Todesgöttin HEL. Und überall durch die Mittellande war er gereist, an allen wichtigen Burgen war er. Ich konnte mir das alles nicht merken. Aber er war auf den großen Insel im Norden, wo die Leute nur Tee trinken und bei den Bretonen war er auch. Da ist es schön und da möchte ich auch mal hin. Und außerdem muss er auf mich aufpassen und mich beschützen. Vor meiner bösartigen Stiefmutter, die nämlich..."


    Von Waldburg räusperte sich vernehmlich und zog die Augenbrauen hoch, aber dann nickte er Gänseblümchen freundlich zu. Und im allerletzten Moment konnte er noch die Kurve kriegen und sich nicht verbeugen.

    Alles sehr seltsam hier. Stattdessen nickte er Bjarna nur zu.

    Ob die Dame ebenfalls eine Priesterin war? Auch sie trug Fellkleidung und sprach sie vielleicht von göttlicher Eingebung? So ganz verstand er den Kult des Bären noch nicht, aber er hoffte darauf, noch etwas darüber zu erfahren. In Gedanken machte er sich bereits Notizen dazu. Und langsam sickerte die Erkenntnis durch, warum sich sein Vater so hämisch über seine Reise nach Burg Pranke gefreut hatte. Die arme Seele. Er würde ihn heute Abend ins Gebet einschließend. HEL hatte ja immer Verständnis. Und Ursun? Er schaute schüchtern auf die Oberpriesterin „Zwanzig Speere“, die mit der anderen Dame sprach.


    Von Waldburg war sich nicht sicher, was er davon halten sollte, aber als Gast hielt er sich vornehm zurück.

    Ritter Lothar von Waldburg machte große Augen. Er hatte noch nie eine so grässliche Frau gesehen. Wenn er denn richtig aufgesehen hätte, doch senkte er rasch den Blick und sah ihr nicht ins Gesicht. Irgendwie war sie ja doch eine Dame. Und scheinbar die Oberpriesterin des Ursunkultes hier auf Burg Pranke.


    Da er stets wohlerzogen war, erhob er sich beim Eintreten der hohen Frau Eisengerte, doch vermied er eine Verbeugung. Soviel hatte er jetzt schon mitgekriegt. Und die Hand geben war hier bei den Frosttalern wohl auch nicht üblich. „Ich grüße euch, Frau Eisengerte und freue mich, euch kennen zu lernen.“, sprach der Fuchs nur hochachtungsvoll, denn ihr abschätzender Blick irritiere ihn. Ob er nicht würdig genug war, das Gebet an den Bärengott zu richten? Hätte Fulcrum dann nicht vielleicht etwas gesagt? Der Ritter musterte unauffällig zurück. Das Priestergewand unterschied sich kaum von der scheinbar üblichen Frosttaler Kleidung. Pelze und Leder. Aber es musste wohl mit den Zeichnungen zu tun haben. Lothar hatte bereits von der Ursun-Höhle im Eisland gelesen. Wenig war aufgeschrieben, was die großen Mysterien des Bärengottes anging. Ein Kriegergott, zweifelsohne.


    „Meine Taten… ach… ich mag es nicht, solcherlei grobe Dinge vor Damen zu erzählen… aber…“, er sah, wie Eisengerte mit wachsendem Interesse guckte. „Ich habe fliegende Teufel in den unterirdischen Katakomben der Wüstenstädte von Toroq Nai getötet, Ungeheuern in den kalten Gebirgsseen von Inglaterra die Köpfe abgeschlagen, stinkende Kreaturen in den Unrathalden der bretontischen Städte zerhackt… und hatte diverse andere Begegnungen, das führt jetzt aber zu weit.“, zählte Lothar arglos an den Fingern auf. „Außerdem soll meine junge Schwester nicht dreierlei hören, dass ist nichts für ein zartes Mädchen.“ Lothar schaute innig zu Gänseblümchen, aber die verdrehte die Augen.


    Eisengerte grinste breit und schlug Lothar so auf die Schulter, dass er sich verschluckte. „Du kannst Zwanzig Speere zu mir sagen. Und lass dieses Damen und Frauenzeug. Es sei denn, du willst mich ärgern. Aber dann sagt man das nur einmal zu mir“. Lothar fühlte sich völlig überfordert. Jetzt hatte er jahrelang die hohe, reine Minne geübt, brave Gedichte geschrieben und fromme Lieder gesungen. Und nun sowas. Zum Glück wollte er nur mit der Priesterin beten. „Meine Freunde nennen mich Fuchs.“, sprach Lothar und merkte langsam, dass diese Frosttaler Kultur doch ein kleinwenig mehr von den üblichen imperialen Bräuchen abwich als er gedacht hatte. Trotzdem gute Bürger. Da war er sich sicher.


    „Gibt es hier auch mal was zum Abendessen?“, mischte sich jetzt Gänseblümchen ein, für die die Frosttaler Kriegerin die reinste Riesin war. Astrid legte den Kopf in den Nacken und schaute hoch. „Ich habe sooolchen Hunger.“

    Es wunderte Lothar etwas, dass Herr Fulcrum mit diesem Schurken Rafael bekannt war. Ob er auch mal so ein Heft lesen sollte? Aber er empfand die Geschichten alle als unzüchtig und schlüpfrig. Und er hatte kein Interesse daran, dass auf seine Seele so ein Schatten fallen könnte. Wie stände er denn vor HEL dar? Nicht auszudenken.


    Dass es hier keinen Ursun Tempel gab bestärkte ihn nur in seinem Glauben, dass im Imperium viel mehr in heilige Bauvorhaben investiert werden musste. Viel mehr. Schlimm. Aber beim seinem Vater biss er auch immer auf Granit, bei seinem Wunsch, die HEL Kapelle erheblich zu vergrößern. Wie gut, dass er bald mit dem Hohen Rat darüber sprechen würde. Der würde sicher wissen, wie großartig seine Vorschläge für das ganze Land waren.


    „Herr Fulcrum, ich bin sehr interessiert, wie der große Bärengott verehrt wird. Das ihr eigens eine eigene Priesterin dafür habt, zeigt mir, wie ernst ihr die heiligen Handlungen nehmt!“ Das war dem Waldburger natürlich klar gewesen, dass diese guten Bürger des Imperiums ihre religiösen Pflichten nicht vernachlässigen würden. So freute er sich über einen frommen Austausch mit der Geistlichen.


    „Es ist ja schon spät. Können meine Schwester und ich heute Nacht eure Gastfreundschaft in Übernachtung und Abendspeise in Anspruch nehmen? Unser Dank ist euch gewiss. Und morgen müssen wir nach dem Morgengebet auch zeitig gen Karan reiten.“

    Lothar riss die Augen auf. „Meine Stiefmutter war hier?“, murmelte er überrascht. Aber dann dachte er sich, dass dies ganz genau zu ihr passen würde. Vermutlich hatte sie wieder Ränke im Sinn gehabt. Oder schlimmeres… finstere Ränke? Unkeusche, finstere Ränke…? Lothar wurde immer blasser únd nahm sich vor, heute Abend für ihre unsterbliche Seele zu beten. Offenbar hatte sie es nötig.


    „Krieger? Ich bin ein guter Ritter und kämpfe für das Imperium.“, sagte Lothar voller Inbrunst. „Aber ja, ihr habt natürlich recht, ich habe noch einen Hintergedanken bei meinem Besuch. Zum einen möchte ich mehr über die Frosttaler Kultur erfahren. Zum anderen hier gerne im Ursun Tempel beten. Falls das keine Umstände macht. Ihr müsst wissen, ich studiere die verschiedenen Glaubensrichtungen, wo auch immer ich hinkomme. Auf meiner 12-jährigen Götterfahrt durch die Mittellande habe da sehr viel lernen können. Interessiert euch das auch? Ja? Natürlich bleibe ich HEL treu, denn niemand hört mir so geduldig beim Beten zu, aber es ist ja selbstverständlich, dass ich mehr über den Bärengott erfahren möchte…“. Während Lothar sich langsam über Religion in aller Breite ausließ und wie unanständig und verdorben die Welt und insbesondere Ankoragahn geworden sei, sah man Gänseblümchen an, wie sehr sie das langweilte. Irgendwann kramte sie ihr Romanheftchen raus und begann zu lesen. Als sie merkte, wie sie alle ansahen, zuckte sie nur mit den Schultern. „Das neue Rafael-Heft… und mein Bruder und ich reisen morgen weiter nach Karan um die Bestrafung von meinem Helden mit anzusehen.“ „Äh“, sagte der Ritter und wurde rot. „Das ist natürlich so nicht richtig… der Hohe Rat erwartet mich. Immerhin muss ich das Imperium retten!“

    Absichten… dachte Lothar bei sich und sah völlig verstört auf den Brief. Natürlich hatte er Absichten. Schließlich war dieser Besuch ja kein Zufall. Er musste den Brief persönlich überreichen. Er dachte kurz über das Wort Absichten nach. Sogar ernste? Dann wurde er rot…. denn offenbar war da irgendwas Komisches… am Ende gar was mit… Oh nein… bei HEL… nein… das konnte ja nicht sein… und durfte nicht. Irgendwie war das Verbeugen mit den Frosttaler Bräuchen verbunden. Herrje. Vielleicht konnte später mehr dazu erfahren, was den Herrn Fulcrum zu seiner ungewöhnlichne Reaktion gebracht hatte. Im Geiste sagte er kurz ein Stoßgebet an die Todesgöttin auf. Absichtlich.


    Astrid und Lothar setzten sich auf die bereitgestellten Stühle.

    Gänseblümchen machte artig einen Knicks, wie sie es von ihrer verstorbenen Mutter gelernt hatte, während Lothar sich verbeugte.


    „Diese Jungfer ist Astrid von Waldburg, meine Schwester,“, stelle der Ritter das Gänseblümchen vor, „… und mein Name lautet Lothar von Waldburg. Wir wurden von unserem Vater Wilfried zur Frosttaler Burg Pranke entsandt. Ich glaube, ihr kennt ihn ja gut. Von früher. Wir dürfen euch ein Einladungsschreiben zur Feierlichkeit und zu Ehren seines 70.sten Geburtstages überreichen. Gleichzeitig wird auch der Allgemeinheit und den Gästen seine neue Frau vorgestellt, die er…ähm… etwas schnell geheiratet hat. Die Dame Liliane wird sich ebenfalls freuen, euch auf Waldburg begrüßen zu dürfen. Soweit ich weiß“, führte Lothar aus und legte Fulcrum einen versiegelten Brief vor, welcher mit geschwungener Handschrift an ihn adressiert war. „Und Onkel Rollo soll auch mitkommen.“, platze Gänseblümchen raus.

    Rollo führte die beiden über eine Reihe von Gängen und Treppen in den großen Saal von Burg Pranke. Lothar fand die Einrichtung der Burg einfach aber zweckmäßig, aber Gänseblümchen fand die offenbar erbeuteten Banner sehr spannend. „Hast du gesehen? Da vorne die zerrissene schwarze Fahne? Ein riesiger Totenschädel… und die ganzen Blutspritzer? Darüber wüsste ich gern mehr…“


    Endlich standen die beiden vor einem Mann, der selbst im Sitzen noch groß und wie Rollo in Lederrüstung und Pelz gekleidet war. Das musste wohl Fulcrum sein.

    Gänseblümchen quietschte vor Vergnügen als der Frosttaler sie an der Hüfte fasste, leicht wie eine Feder im Kreis durch die Luft schwang und sicher wieder absetzte. „Ich bin die Astrid, aber meine Freunde sagen Gänseblümchen. Darf ich Onkel Rollo zu dir sagen?“, fragte das eben noch ängstliche Mädchen begeistert. Lothar schüttelte den Kopf und wollte etwas sagen… dann überlegt er es sich anders. Dann lächelt er. Dieser Rollo war offenbar ein freundlicher Mensch. Und ganz bestimmt auch fromm. Da war er sich sicher. Und Lothar wurde klar, dass er hier mit den üblichen standesgemäßen Ansprachen nicht weiterkam. Da Rollo, wie alle anderen Frosttaler auch, natürlich gute Bürger des Imperiums waren, und Lothar zudem voller ritterlicher Demuth war, fügte er sich. Immerhin musste er das Imperium retten.


    „Danke, Rollo Das mit dem Pferd war ziemlich beeindruckend. Eine wunderbare Fähigkeit. Wo habt ihr so gelernt, mit Tieren umzugehen? Das müsst ihr mir mal genauer erzählen… und ich habe noch viele andere Fragen… aber vielleicht nicht hier auf dem Hof. Ist denn Her…ähm… der Fulcrum zuhause? Wir würden ihm gerne unsere Aufwart… ähm… guten Tag sagen.“

    Gänseblümchen riss die Augen auf und wollte fast ihr kurzes Butterbrotmesser zücken. „DA!!!, Bruder…!“, kreischte sie zu Tode erschrocken. „Ein wilder Bär kommt durchs Tor!“.


    Lothar grinste. „Jetzt sei lieb und artig und lass das Messer stecken, Schwesterlein. Das ist wohl ein Frosttaler Krieger. Ein guter Bürger des Imperiums. Da sind wir höflich und fromm und hoffen mal auf Gastfreundschaft und ein Nachtlager.“, sprach er leise zu Astrid. „Und benimm dich bitte!“


    Er lenkte das Pferd näher… und obwohl der Kerl ihn wohl einen ganzen Kopf an Körpergröße überragte, stieg der Ritter vom Streitross. Auf seiner 12 jährigen Götterfahrt hatte er mehrfach Kontakt zu Stammeskriegern gehabt und wollte einen guten Eindruck hinterlassen. Von oben herab war da immer keine gute Idee. Bei dem Mann musste es sich wohl um eine höhergestellte Persönlichkeit handeln, was Lothar aus dem prächtigen Panzerkragen schloss, den der Frosttaler trug.


    „Dem großen Ursun zum Gruße, mein Name ist Lothar von Waldburg, dies ist meine Schwester Jungfer Froilein Astrid. Wir sind unterwegs von Waldburg aus und möchten dem Herrn Reichsritter Fulcrum Alarich Gletscherherz persönlich unsere höfliche und ehrerbietige Aufwartung machen und eine Depesche, ein Einladungsschreiben überbringen.“ Der Ritter schaute dem Frosttaler offen und freundlich ins Gesicht und reichte ihm die Hand. Doch dieser zuckte nicht mal mit der Augenbraue. Ob er mich wohl nicht verstanden hatte, fragte sich Lothar. Dann versuchte er es nochmal anders. „Habe einen Zettel für Fulcrum. Und wir haben Durst und Hunger. Bitteschön.“

    Teil 1.5


    [Zuvor auf Lothars Reise nach Karan – Zwischenspiel auf Burg Pranke]



    „Mir ist immer noch vollkommen Schleierhaft, was du da in Karan vorhast, ist mir aber auch gleich. Mach dich doch nur zum Narren. Jedenfalls wirst du auf keinen Fall hier am Hause der Von Waldburg deine Pflichten vernachlässigen, hast du mich verstanden? Solange ich hier noch das Sagen habe… und du deine Füße unter meine Tafel steckst…“, maulte Wilfried von Waldburg seinen letzten, ihm verbliebenen Sohn an.


    Lothar hielt das Schlachtross am Zügel und beobachtete aufmerksam eine Wolke. Sein Vater war… schwierig. Er konnte oder wollte nicht verstehen, wie wichtig seine Mission war. Immerhin ging es um das Imperium. Aber er ahnte, dass dies seinem Vater… vorsichtig ausgedrückt… wenig wichtig war. Gänseblümchen grinste frech und zog die Packpferde näher heran. Sie kannte ihren alten Vater nur zu gut und war nur froh, dass diesmal nicht sie das Zentrum des Gewitters war.


    „Liliane, verdammt noch eins, wo ist denn jetzt der Brief?“, schnauzte der Greis nun seine hübsche, neue Gattin an, die just geschwind über den Hof gelaufen kam. Als sie ihn erreichte, riss er ihr das gesiegelte Schreiben aus der Hand und drückte es dem gerüsteten Lothar in die Hand. Die Dame in den schwarzen Gewändern lächelte den frommen Ritter verschlagen und ziemlich zweideutig an, was den Ritter erröten ließ.


    „Das liegt doch für dich auf dem Weg. Also ab nach Burg Pranke“, grinste Wilfried gehässig. Und er wusste genau, dass es sich um einen ordentlichen Umweg handelte… „Ich möchte das du diese Einladung meinem alten Freund Fulkrum Alarich Gletscherherz überbringst. Dem Frosttaler.“


    Lothar zog die Augenbrauen hoch und Interesse lag plötzlich in seinem Blick. Frosttaler? Er kannte natürlich den Ursun-Glauben und hatte darüber ausführlich gelesen. Ob es dort auch einen Tempel gab? Da würde er doch gerne mal beten.


    Dann saß er auf und er und seine jüngere Schwester Astrid ritten durch das Torhaus von Waldburg und schlugen den Weg nach Pranke ein. Der Weg führte sie ereignislos durch den dichten Wald, vorbei an Einsiedlerhöfen und entlang des alten Hermannwalles. Als sich der Tag zum Ende neigte, kam endlich die Burg der Frosttaler in Sicht. Gänseblümchen quengelte schon die ganze Zeit rum und so war er froh, als sie endlich das Tor erreichten.